Aus der Zeitschrift EinSicht Sommer 2010

Begegnung mit Rehen

von Anne Schmidt-Tiedemann

Wir haben einen Sonntagnachmittag im Februar und es ist noch sehr kalt. Der Blick durch das große Wohnzimmerfenster in den Garten löst gleich eine ruhige,  friedliche Stimmung aus, da alles von einer dicken, weißen Schneedecke bedeckt ist. Was kann man da Besseres tun als sich Besuch einzuladen und gemütlich vor dem Kamin zu sitzen und einen Klönsnack zu halten, wie wir Norddeutschen sagen. Doch heute hatten wir noch besondere Gäste. Nachdem wir eine Weile zusammen saßen, bemerkten wir Rehe im Garten. Das Grundstück ist relativ lang, vorne ein Stück Rasen, anschließend unser sehr kleiner Wald, dahinter folgen Wiesen. Auf der linken Seite befindet sich noch ein ständig ausgetrockneter Tümpel zwischen Wäldchen und Wiesen.

Zwei Rehe kamen ganz entspannt in den Wald und schauten sich um. Es sah allerdings so aus, als ob sie sich dort schon auskannten. Da fiel mir wieder ein, dass mein Vater sich dieses Jahr mehrfach wunderte, dass der Efeu an seiner Hauswand auf einer Höhe bis zu einem Meter zwanzig immer so geschoren aussah, wie abgefressen. Eines frühen Morgens hätte er ein Reh im Garten gesehen und meinte, es habe den Efeu gefressen. Ich konnte gar nicht glauben, dass die Rehe so dicht ans Haus kommen sollten, denn außer den Wiesen ist alles dicht bebaut. Doch diesen Winter sah ich die Spuren im Schnee. Die hübschen braunen Tiere gingen frühmorgens durch den Garten, über die Einfahrt bis an die Straße und wieder zurück.

Heute hatten wir aber das Glück, dass sie tagsüber da waren. Sie strichen im Wäldchen umher oder standen still und guckten. Schließlich suchten sie sich einen Platz an dem Tümpel, rechts neben einer Buschhecke. Das eine Reh legte sich hin und das andere stand daneben. Es war ein wunderschönes Bild wie die beiden sanften Tiere ganz friedlich dort gemeinsam über die Wiesen schauten. Sie waren über eine Stunde dort und machten sich dann wieder auf die Reise.

Einer unserer Gäste meinte, er hätte gelesen, dass die Rehefrüher tagaktiv waren und erst durch uns Menschen sozusagen in die Dämmerung verdrängt wurden.

Wir freuten uns jedenfalls sehr, dass wir heute einen so erlebnisreichen und gleichzeitig friedlichen Nachmittag mit ihnen hatten.


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