Aus der Zeitschrift EinSicht Winter 2001

Botschaft der Schnecke

Für Gartenfreunde und Naturliebhaber

Nils war früh aufgestanden an diesem sonnigen aber kühlen Frühsommermorgen. Er hatte Pfingstferien und langweilte sich. In den Jahren zuvor waren sie in den Pfingstferien immer nach Mallorca geflogen. Dort gab es Spaß für alle. Er war fast immer am Strand, schwimmen, Boot fahren, Schnorcheln, Volleyball spielen, stets war er mit der Clique auf Tour bis in die späten Abendstunden. Aber dieses Jahr hatte irgendetwas nicht geklappt und sie mussten zu Hause bleiben. Er vermisste die Abwechslung und vor allem seine Freunde, die alle weggefahren waren. Mit seinen dreizehn Jahren wusste er nichts mit sich alleine anzufangen und fühlte sich sehr einsam.

Er schlenderte den feuchten Gartenweg entlang und erblickte eine Nacktschnecke. Er selber hatte nichts gegen diese "braunen Schleimer", wie sein Vater sie immer nannte. Auch seine Mutter und alle Nachbarn schimpften jedes Jahr aufs Neue gewaltig auf diese Tiere, weil sie in so großen Massen auftraten und das Gemüse wegfraßen, was die Gärtner mühevoll gesetzt hatten und dann nicht ernten konnten.

Was hatten nur diese Tiere, dass sie zu den größten Feinden der Gärtner zählten? Die schau ich mir mal näher an, dachte Nils. Er nahm die Schnecke, die sich schwer vom Boden lösen ließ und sofort ihre schwarzen Fühler eingezogen hatte, und setzte sie in seine linke Hand. Die Schnecke fühlte sich kalt und feucht an. Er hob sie näher an sein Gesicht und beobachtete, was nun geschehen würde. So nahe hatte er solch ein Tier noch nie gesehen. Erst jetzt erkannte er, dass die Schnecke eine Art Wellenlinien im Vorderteil hatte und hinten glatt war. Zu welcher Gattung die Schnecken wohl zählen? Er ging im Kopf die Gattungen durch, an die er sich vom Biologieunterricht noch erinnern konnte: Säugetiere, Wirbeltiere, Insekten, Fische, Vögel - er konnte sie nicht einreihen. Na, das war ja auch egal, er würde sich irgendwann einmal schlau machen. Wie er so da stand und nachdachte und dabei ganz still geworden war, sah er, wie die Schnecke ihre Fühler wieder ausfuhr und nach allen Seiten bewegte. Was die jetzt wohl denkt, ging es ihm durch den Kopf. Weiß sie, wo sie jetzt ist, hat sie Angst, oder haben Schnecken gar keine Gefühle? Plötzlich war es ihm, als hätte jemand gesagt, "lass mich 'runter". Jetzt fang' ich an zu spinnen, war seine erste Reaktion. Doch dann wieder der selbe Satz, "lass mich runter". Nils war unheimlich zumute. War das die Schnecke?

Nun, schaun wir mal, was passiert. Er setzte die Schnecke ab und sofort ertönte in seinem Kopf das Wort "danke". Das gibt's ja wohl nicht! Nils musste sich setzen. Wie weit kann das wohl gehen? Guten Tag Frau Schnecke, sagte er. Keine Antwort. Na also, doch nur Einbildung. Er hob die Schnecke wieder auf und sofort hörte er wieder die Worte "lass mich runter". Verflixt, das kann doch nicht wahr sein! Was mache ich denn jetzt, wie geht es jetzt weiter? Ich müsste doch eigentlich eine Unterhaltung anfangen können, aber wie?

Nils kratzte sich am Kopf. Zuerst musste er mal hier weg. Wenn ihn jemand mitten auf dem Weg mit einer Nacktschnecke plaudern sehen würde, dann würde man ihn wohl für verrückt erklären und er würde zum Gespött der ganzen Familie. Er nahm Frau Schnecke behutsam auf seine Hand und verzog sich in den angrenzenden Wald, wo er sich auf einen Baumstumpf außer Sichtweite des Hauses setzte.

Als Nils sie - endlich in Ruhe sitzend - auf seine Hand nahm und die Möglichkeit einer Kommunikation mit ihr in Angriff nahm, war es der Schnecke nach dieser ungewohnten Reise ganz anders zumute. "Hallo, Frau Schnecke, wie geht es dir?" Fast sofort erscholl in seinem Kopf die Antwort:

"Bevor du mich aufgehoben und weggetragen hast, ging es mir besser. Ich bin die Höhenluft nicht gewohnt". Potzblitz! - wenn das keine Antwort war! Nils drohte fast zu versteinern. Was hier gerade jetzt passierte, war so einzigartig, dass er es mit nichts vergleichen konnte, was er bisher erlebt hatte. "Frau Schnecke .."

"Du kannst die "Frau" weglassen, dieses Wort gehört nicht ins Tierreich, nenn mich einfach Schnecke".

"Hast du gar keinen anderen Namen? Ich heisse Nils".

"Schön, ich werde dich Nils nennen, wenn das dein Name ist, Nein, Schnecken brauchen keine Namen". "Können alle Schnecken sprechen?" "alle Schnecken können so kommunizieren wie ich es gerade mit dir tue. Das ist kein sprechen. Das ist eine Art Gedankenübertragung, wie die Menschen es nennen würden. Das könnt ihr mit allen Tieren machen, wenn ihr euch dafür öffnet". "und ich bin jetzt dafür offen?" "Ja und ich habe gerade nichts anderes zu tun".

"Bist du schon satt? Die Erwachsenen beklagen sich im Sommer ständig darüber, dass ihr Schnecken wahllos alles auffresst, was sie gesät haben und dann keine gute Ernte haben".

"Das ist nicht überall so. Es gibt Gärten und Felder, deren Besitzer sich uns und den anderen Tieren gegenüber friedlich verhalten. So können wir Tiere in Ruhe unserer Arbeit nachgehen, die der Schöpfer jedem von uns zugedacht hat". "Welche Aufgabe haben denn die Schnecken?"

"Schnecken haben die Aufgabe, ein bestehendes Ungleichgewicht zu beseitigen, wie dies viele andere Tiere auch tun. Wir fressen tote und kranke Insekten, Fallobst, tierische Ausscheidungen usw. Wir gehören sozusagen zur Branche Müllabfuhr". "Wenn ihr nur das machen würdet, dann würden sich die Leute aber sicher nicht so über euch beschweren. Warum geht ihr denn auch an den guten Salat, gesunde Erdbeeren und an all die anderen Feld- und Gartenfrüchte, die kräftig sind?" "Das liegt nur am Verhalten der Menschen. Wenn ihr euch uns gegenüber feindlich verhaltet, dann kommen wir aus dem Gleichgewicht und fressen auch Anderes". "Und was sollen wir jetzt tun?" "Ihr müsst eure Einstellung gegenüber den Tieren und der gesamten Natur ändern. Ihr müßt die Tiere und Pflanzen achten und lieben und zwar alle, ausnahmslos. Die meisten Menschen haben nur Respekt vor Tieren, die "bewaffnet" sind und dieser Respekt heisst ANGST. Die meisten Menschen lieben nur die Tiere, die sie gezähmt haben, die sie streicheln können und von denen sie erwarten können, dass sie sich so verhalten, wie sie es wünschen. Diese Tiere werden geliebt, gefüttert, gepflegt, und verhätschelt. Auch die Tiere, die dem Menschen bei der Arbeit helfen, bekommen wohlwollende Beachtung, so lange das Tier den Einsatz bringt, der von ihm erwartet wird".

"Aber es gibt auch Menschen, die die Vögel im Winter füttern oder Igelchen durch den Winter bringen, und sich auch sonst sehr für Tiere einsetzen, die keine Haustiere sind".

"Ja, das ist richtig. Diese Menschen werden wahrscheinlich nicht von Mücken gestochen oder Zecken gebissen, Schnecken, Kartoffelkäfer ... und all die anderen Quälgeister und Parasiten, wie ihr uns so schön zu nennen pflegt, werden diese Menschen in keiner Weise belästigen, weil sie Leben achten und Leben schützen. Das ist das ganze Geheimnis".

Ursula Müller


» Nächster Artikel

« zurück zum Inhaltsverzeichnis