Aus der Zeitschrift EinSicht Frühjahr 2002

Eine Weihnachtsgeschichte

Lieber Herr Braunroth, liebe Freunde,

hier eine Weihnachtsgeschichte, die sich aber schon im Juni vor einigen Jahren zugetragen hat. Ich (Karl) war wieder einmal auf Einladung der Universität Kiew auf dem Weg in die Ukraine, um dort einen Vortrag zu halten. Diesmal jedoch nicht wie sonst mit der Bahn oder dem Flugzeug, sondern mit dem Auto, da mich der Onkel von Jutta gebeten hatte, das Grab seines Bruders, der im 2. Weltkrieg am Dnjepr gefallen war, zu suchen. Mit mir waren der Rektor der Agraruniversität Keszthely und ein Professor, der auf Grund seines Studiums in Kiew fließend russisch sprach.

Nachdem wir unsere Vorträge absolviert hatten, brachen wir früh am darauffolgenden Morgen, versehen mit vielen guten Ratschlägen, Richtung Süden auf. Von Juttas Onkel hatte ich ein Bild vom Grab seines Bruders und den Ausschnitt einer Wehrmachtskarte, auf dem das Dorf gekennzeichnet war, in dem er damals bestattet worden war.

Je weiter wir nach Süden kamen, desto seltener wurden die Hinweistafeln, bis gar keine mehr zu finden waren. Auch war es schwierig, in der endlosen Weite der ukrainischen Steppe Menschen zu finden, die einem weiterhelfen konnten.

Da geschah das erste Wunder!

In einem Dorf stand am Straßenrand ein alter Mann, gestützt auf zwei große Krücken, in der Uniform eines Sowjetsoldaten des 2. Weltkrieges. Fast schien es, als ob er auf uns gewartet hätte, denn er stieg sofort zu uns ins Auto. Mit seiner Hilfe fanden wir bald das Dorf, das auf der alten Karte eingezeichnet war. Dörfer in dieser Region sind sehr weitläufig, und es dauerte daher einige Zeit, bis wir die Stelle gefunden hatten (eine Viehweide), an der damals die gefallenen Soldaten beigesetzt worden waren. Bei der Suche in diesem Dorf ging eine erstaunliche Wandlung in dem alten Mann vor. Konnte er sich zu Beginn nur mühsam mit seinen Krücken fortbewegen, so entwickelte er eine Behendigkeit und ein Tempo, das sogar uns Mühe machte, ihm zu folgen. Seine Krücken hatte er zu diesem Zeitpunkt schon längst im Auto zurückgelassen.

Der alte Mann auf den Gräbern seiner ehemaligen Feinde.
Nachdem wir einige Zeit an dieser Grabstätte verbracht, und die Lage genau dokumentiert hatten, begaben wir uns auf den Rückweg nach Kiew.

Dabei geschah das zweite Wunder!

An einer dieser endlosen Straßen in der Weite der Steppe stand ein Mädchen mit einem großen Strauß Steppenblumen (sie hat ihn mir nachher geschenkt). Sie winkte, um mitgenommen zu werden. Als wir stehenblieben, stieg der alte Mann aus. Abgelenkt durch das Mädchen achteten wir nicht auf ihn. Nachdem sie eingestiegen war und wir uns nach ihm umdrehten, war er verschwunden. Kein Baum, kein Haus - nichts war da hinter dem er hätte sein können - nur riesige Äcker, gerade frisch bestellt, links und rechts der Straße. Er war einfach verschwunden!

Karl K., A-9437 LAVAMÜND


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