Aus der Zeitschrift EinSicht Herbst 2012

Pilze im Garten

L.B.

Es war im letzten Herbst (2011): ich kam nach Hause und ging an unserem Vorgarten vorbei und blieb plötzlich wie versteinert stehen. Mein Blick war auf ein seltsames braunes Etwas gefallen und bei genauerem Hinsehen erkannte ich dieses Etwas als einen Pilz, einen Baumpilz. Sein Durchmesser betrug lockere 40 cm (ich hab`s nachgemessen!), daneben noch ein paar kleinere Exemplare. Keine Angst, ich will keinen neuen Wettbewerb starten nach dem Motto, wer hat den größten … Pilz in seinem Garten, aber seine Größe hat mich dann doch beeindruckt. Für mich war er plötzlich da, in seiner vollen Größe. Ich war überrascht, weil ich nicht mitbekommen habe, wie er gewachsen ist, obwohl ich dort fast täglich vorbei gehe. Nun, es war Regenwetter und manchmal gehe ich dann durch die Garage direkt ins Haus, aber so oft hintereinander auch wieder nicht. Jedenfalls war der Pilz da, wie der sprichwörtliche Pilz aus dem Boden geschossen und hat in meinem Inneren rumort, obwohl ich nichts davon gegessen hatte, denn sehr appetitlich sah er für mich nicht aus, Foto Pilze 3.

Der Pilz hat eine Vorgeschichte. 2-3 Jahre vorher hatte ich diesen Vorgarten neu angelegt. Mitten drin war der Rest einer alten gefällten Zierkirsche, eine sehr große Holzscheibe. Ich schätzte mindestens 80 cm im Durchmesser, weil sich der Stamm direkt über dem Boden in 5 Stämme geteilt hatte. Die hat mich dort total gestört, aber alles mit der Wurzel ausgraben hätte mich überfordert und wäre wohl auch eine Riesen-Aktion geworden. So hatte ich die Idee, einen Berg Natursteine darauf zu häufen und mit Steingartengewächsen zu bepflanzen. Ich liebe diese Überlebenskünstler schon von Kind an, vor allem die verschiedenen Arten der Dachwurz, die so genügsam sind, mit wenig Erde auskommen und trockene Zeiten überstehen können und sich den für mich schwierig erscheinenden Umweltbedingungen so geschickt angepasst haben und aller Trockenheit zum Trotz wachsen, blühen und gedeihen. In unserer schweren Gartenerde und eher schattigen Plätzen sind sie mir immer wieder vergangen und so war ich froh, jetzt endlich einen schönen sonnigen Platz für sie zu haben und die mich störende Baumscheibe war gleichzeitig verschwunden.
 
Aber bereits im 1. Jahr begann sich mein „gut verborgener Untergrund“ zu melden. Es wuchs ein für mich wunderschöner cremefarbener wellenförmiger Pilz, Foto Pilze 1, zwischen den Steinen heraus und auf der anderen Seite zeigten sich später noch ein paar braune kugelige Pilze, Foto Pilze 2, (ich kenne leider die Namen nicht, es gibt so viele Sorten). Jedenfalls waren sie schön anzusehen.


Foto: L.B. Pilze 3


Foto: L.B. Pilze 1


Foto: L.B. Pilze 2

Sie hatten nicht zu viel Platz eingenommen und den hatte ich ihnen gerne gegönnt, sie hatten meine Pläne für meinen Vorgarten ja nicht gestört und im Frühjahr waren sie wieder vergangen.

Doch jetzt stand ich vor meinem neuen Pilz. Hübsch fand ich ihn beim ersten Anblick wirklich nicht. Er sah so glitschig aus und war im herkömmlichen Sinn sicher keine Schönheit. Aber mit „kooperativem Blick“ habe ich dann doch mal genauer hingeschaut, was sich da aus dem Untergrund hoch geschafft hat, was ich so gerne überdecken wollte, was plötzlich für mich riesengroß da war, ohne dass ich es hatte wachsen sehen. Ich habe mir den Pilz und die mir unangenehmen Gefühle genauer angeschaut und den Pilz auch mal angefasst. Er hat sich nur kühl und glatt angefühlt, gar nicht so unangenehm, wie ich zuerst gedacht hatte. So habe ich ihn die nächsten Wochen beobachtet und mich immer mehr mit ihm angefreundet.

Anfangs hat er in mir auch die Angst und Frage ausgelöst, ob meine Sonnenanbeter-Pflanzen mit dem feuchtigkeitsliebenden und platzeinnehmenden Wesen des Untergrundbewohners zurecht kommen oder unterdrückt und verdrängt werden.
Aber die nächsten Wochen haben mir gezeigt, dass sie sich gut miteinander arrangieren. Die Pilze sind über Winter immer mehr eingeschrumpft und im März war nur noch ein getrockneter Rest da, den ich leicht weg nehmen konnte und die Dickblattgewächse hatten das Zusammenleben daneben und darunter gut überstanden. Ich durfte wieder lernen, dass das, was ich in meinem Leben oft als störend, als angstauslösend empfinde und vermeiden, zudecken will, sich bei genauerem Ansehen und Anfreunden damit ohne größere Schäden in Wohlgefallen auflöst, wenn ich die Lektion verstanden habe.

Ich bin dem Pilz und meinen Gefühlen dankbar, wie sie sich aus dem Dunklen durch meinen massiven Stein- und Schutzwall ans Tageslicht durchgeschafft haben, um von mir beachtet zu werden. Nun kommt erst mal der Frühling und Sommer und dann bin ich gespannt, was sich im Herbst an dieser Stelle wieder tut. Angeregt durch diese Geschichte hat sich auch meine Wahrnehmung geändert und ich bin dabei, die Welt dieser faszinierenden Geschöpfe ein Stückchen weiter zu entdecken und ich bin erstaunt, wie viele Pilze mir ~ bzw. wohl ich ihnen ~ seither über den Weg laufen, die ich vorher nicht gesehen oder beachtet habe.

Danke euch Pilzen für Eure Arbeit!
Schön, dass Ihr da seid!
Danke Eike für alle Gedanken über die Kooperation mit der Natur!

 

 

 

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